Heilende Luft

Wie ich hier schon geschrieben habe, war ich früher einmal Sanitätsoffizier und Truppenarzt bei der Bundeswehr. Das war zu einer Zeit, in der es die allgemeine Wehrpflicht noch gab.

Die Wehrpflichtigen hatten verständlicherweise oft keine gr0ße Lust zu ihrem Dienst und viele haben versucht, sich über Krankmeldungen zu verdünnisieren (da war ich während meiner Grundausbildung ja auch nicht besser 😉 ). Nun gibt es für Soldaten keine freie Arztwahl, sondern sie müssen zu „ihrem“ Truppenarzt. Ein nicht unwesentlicher Teil meiner ärztlichen „Kunst“ bestand also darin, die wirklich Kranken von den „Verpissern“ zu unterscheiden.

Ich habe das unter einem sportlichen Gesichtspunkt gesehen und das „meinen“ Wehrpflichtigen auch schon früh mitgeteilt: „Wenn Sie Sich was Neues einfallen lassen um mir weiszumachen, dass Sie krank sind, obwohl Sie es nicht sind, ist das o.k. und dann genießen Sie Ihren Triumph. Andererseits bin ich schon lange genug im Geschäft um die meisten Tricks schon zu kennen. Ich erwarte daher von Ihnen, dass Sie, wenn ich Ihre Simulation erkenne, das genauso sportlich sehen und ohne großen Aufstand zum Dienst zurückkehren.“ Damit bin ich, bis auf wenige Ausnahmen, gut gefahren.

Vor besonders unbeliebten Aktivitäten, wie Märschen oder Truppenübungsplatzaufenthalten brachen regelmäßig unter den Wehrpflichtigen regelrechte Durchfallepidemien aus, denn mit Durchfall kann man ja gaaanz schlecht marschieren… 🙂

Was also tun?
Ich bin dabei nicht so weit gegangen, wie ein Kollege in einer anderen Kaserne, der die Soldaten mit der Bemerkung verschreckte: „Soso, Sie haben also Durchfall und können deshalb nicht am Dienst teilnehmen? Da haben Sie doch bestimmt nichts dagegen, wenn ich meinen behandschuhten Finger in Ihren After einführe um das zu überprüfen…“ – Alleine diese Bemerkung, laut am Tresen fallen gelassen, zeigte enorme Heilkraft bei vielen Soldaten. 😉

An dem Standort, an dem ich tätig war, gab es ausser meinem Sanitätsbereich noch ein Sanitätszentrum. Das ist ein Bereich mit verschiedenen Fachärzten und auch einer kleinen Bettenstation, also so eine Art Miniaturkrankenhaus.

Wenn nun diese „Epidemien“ ausbrachen, hofften die Soldaten natürlich „kzH“ (krank zu Hause) geschrieben zu werden. Bei Zweifelsfällen habe ich die Leute aber dann ins Sanitätszentrum stationär eingewiesen, wo man die schöne alte ärztliche Tradition der Stuhlbeschau noch pflegte. Die „Kranken“ wurden also aufgefordert, dem Sanitätspersonal den durchfälligen Stuhl zu zeigen, damit man davon dann Proben zur weiteren Untersuchung der teilweise schon lange bestehenden Durchfälle gewinnen könne. 😛

Was soll ich sagen? Mindestens die Hälfte der oft schon seit Wochen bestehenden und jeglicher therapeutischer Intervention unzugänglichen Durchfälle verschwand innerhalb weniger Tage, spätestens kurz vor dem folgenden Wochenende auf wundersame Weise ohne weitere Therapie.

Wir Ärzte haben ernsthaft überlegt, ob wir die heilende Luft des Sanitätszentrums nicht auf Flaschen ziehen und verkaufen oder zumindest einen Seligsprechungsprozess für den Leiter dieser wundersamen Einrichtung beim Vatikan beantragen sollen. 😉

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Über Old_Surehand

Hausarzt und Karl-May-Fan
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4 Antworten zu Heilende Luft

  1. Das mit den Finger, ich glaube, das ist heute nicht mehr gestattet! 😀

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  2. Pingback: Rockin’ Blogs | Von der Uni an den Herd

  3. buchstabenmeer schreibt:

    Sehr kreativ 😀 Solche Methoden würde ich mir bei einigen Arbeitskollegen wünschen. – Es gibt immer Menschen, an den man sich die Uhr stellen kann, wann sie wieder „krank“ werden.
    LG, Emma

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  4. pflaegermeister schreibt:

    Andersrum wünscht man sich aber manchmal bei Truppenärzten auch etwas mehr Arztsein. Nach einem Sportunfall mit Schädelbeteiligung musste ich darum betteln doch bitte ins wenige hundert Meter entfernte BwKrhs gebracht zu werden.

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