Bin ich Charlie?

Es ist in der letzten Woche viel geschrieben worden über Terrorismus, Pressefreiheit und Solidarität und ich habe lange überlegt, ob ich da was drüber schreiben soll. Es ist doch schon alles irgendwo gesagt und geschrieben worden.

Trotzdem – ein paar Überlegungen:

Ich bin der französischen Sprache nicht mächtig und kannte bis zum Mittwoch vergangener Woche das Heftchen „Charlie Hebdo“ nicht. So ging es wohl den allermeisten Nicht-Franzosen und bei einer Auflage von 60.000 wohl auch sehr vielen Franzosen. Der grausame Terroranschlag hat nun dieses Heft in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt und viele Menschen bekennen sich „Ich bin Charlie!“

In einer ersten Anwandlung von Solidarität mit den Opfern habe auch ich gedacht „Ich bin auch Charlie!“.
Dieser Anschlag war so unvorstellbar grausam und feige. Dabei haben die Opfer nur ihre Meinung geäußert, wenn auch sehr frech und, wie ich finde (nachdem ich mich im Internet mal über das Blättchen schlau gemacht habe) oft respektlos, ja beleidigend. Das finde ich nicht gut, aber es ist in einer freien Gesellschaft ihr gutes Recht.
Das zu dürfen, hat etwas mit Toleranz im ursprünglichsten Sinn zu tun. Toleranz kommt vom lateinischen Wort „tolerare“, was soviel wie „erleiden, erdulden“ bedeutet. Auch diejenigen, denen das nicht gefällt, müssen das erdulden.

Die Reaktion auf die Anschläge (Der Anschlag auf den jüdischen Supermarkt rückt ja leider etwas in den Hintergrund) war, denke ich, überwältigend. Millionen demonstrierten gegen die Terroristen und für Meinungsfreiheit und Pluralität. Menschen aller Religionen und Nationen übten sich in Solidarität.

Und was ist die Reaktion der Überlebenden von „Charlie Hebdo“?
Trotzig und, wie ich finde, auch irgendwie heldenhaft, machen sie weiter und produzieren das nächste Heft. DAS finde ich gut.
Was ich nicht gut finde, ist, dass sie mit einer erneuten Mohammed-Karrikatur all den Muslimen, die noch vor kurzem solidarisch mit ihnen waren, einen Tritt in den Allerwertesten geben, ihre religiösen Gefühle erneut missachten und sie damit beleidigen.

Ich frage mich, ob das wirklich nötig ist. Ob man damit nicht unnötig Menschen beleidigt, die vor kurzem noch gemeinsam mit den Karikaturisten gegen den Terror demonstriert haben. Was sollen denn all diese Muslime denken?
„Zum Dank für unsere Solidarität werden wir beleidigt und wird unser Glaube verhöhnt?“
Übrigens wird nicht nur der Islam herabgewürdigt, sondern auch mein christlicher Glaube.

Ich bin solidarisch mit den Opfern, einig in der Empörung über die feigen Morde, wütend über so viel Hass und Intoleranz sowie traurig über den Tod so vieler Menschen.
Aber ich bin nicht Charlie.

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Über Old_Surehand

Hausarzt und Karl-May-Fan
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10 Antworten zu Bin ich Charlie?

  1. sweetkoffie schreibt:

    Das sehe ich ganz genauso!!!

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  2. susepedia schreibt:

    Gute Gedanken, werter Doktor o.D. 🙂
    Auf der anderen Seite bin ich mir nicht so sicher, was die Verletzung der religiösen Gefühle angeht. Viele, viele Muslime, die sich solidarisch gezeigt haben, sind ähnlich säkularisiert wie viele Christen. Ja, man mag gläubig sein, doch die Notwendigkeit, sich über Blasphemie zu empören, ist nicht mehr gegeben. Vielleicht findet man es nicht gut, vielleicht ärgert es einen, ja. Aber mehr als ein unwilliges Schulterzucken wird es nicht auslösen. Und ein stoisches Ertragen im Sinne von Toleranz.
    Die erneuten Karikaturen setzen den Nadelstich all jenen, die meinen, ihre religiösen Ansichten über das Leben anderer Leute zu stellen. Über das physische Leben, aber auch über deren Recht auf freie Meinungsäußerung. Und gerade die haben es auszuhalten. Dem Rest mag es aufstoßen, aber sie werden es verstehen. Der Beißreflex der Zeitschrift mag nach dieser fürchterlichen Verwundung geschmacklos sein, ja. Aber er ist absolut verständlich. Für jeden. Zumindest sollte es so sein.

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    • Old_Surehand schreibt:

      Verständlich ja, aber auch intelligent? Zerschlägt man damit nicht unnötig Porzellan?
      z.B.:
      Die Gelehrten, der renomiertesten islamischen Universität, der Al-Azhar-Universität in Kairo, haben das Attentat scharf verurteilt, aber sind über die erneuten Karikaturen erbost.
      Wäre es nicht wesentlich sinnvoller, etwas zurückhaltender zu sein und diese Menschen so auf seine Seite zu ziehen? Das wäre, denke ich, kein Kuschen vor den Extremisten, sondern ein diplomatischer Akt.

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  3. franhunne4u schreibt:

    Wer einen Propheten, der darüber weint, dass in seinem Namen Menschen getötet werden, als beleidigend empfindet, muss wohl sein Wertesystem neu sortieren. Außerdem – wenn niemand gesagt hätte, dass es Mohammed sein soll – vom Ansehen allein hätte man das nicht erkannt. Weil wir eben gerade nicht wissen, wie er aussah, der Prophet.

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  4. kerrha schreibt:

    Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden……………….. und wenn ich dieser Andersdenkende bin, ist das auch okay. Ich bin bereit, die Freiheit des anderen zu achten, bestehe aber auch auf meiner Freiheit. Der vorauseilenden Rücksichtnahme folgen schnell Bedenkentragen, Sichselbstzurücknehmen, Sichselbsteinschränken — wer profitiert davon? Doch am ehesten die Terroristen jeglicher Couleur……………………….. Schweigen ist auch eine Meinungsäußerung, zumindest wird sie oft zur Zustimmung umgedeutet. Laßt uns klar und deutlich unsere Meinung sagen!

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  5. Konrad schreibt:

    Ich sehe das anders. Seit Jahren werden terroristische Attentate in Frankreich verübt, die alle von Moslems begangen werden. In diesem Fall war es klar gegen die Meinungsfreiheit. Einerseits sollte entschieden gegen solche Verbrechen angegangen werden und, wenn möglich, die Attentäter bestraft werden. Da bei dem Attentat auf die Zeitschrift Charlie Hebdo auch Juden ermordet worden sind und zusätzlich im jüdischen Supermakt eine Geiselnahme und Morde gegen Juden stattgefunden hat, bin ich seitdem nicht nur Charlie, sondern auch Jude.
    Wenn jemand denkt, dass Charlie Hebdo mit seiner letzten Ausgabe und die erste seit dem Anschlag es auf die Spitze getrieben hat, so irrt er.
    Ich fände es deutlich besser und auf den Punkt gebracht, wenn auf der Titelseite ein trauriger Mohamed zu sehen wäre, der ein Schild trägt mit der Aufschrift: Je suis Juif!

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  6. pflaegermeister schreibt:

    Gibt auch keinen Aufschrei bei Jesus Karikaturen. Mal die Kirche im Dorf lassen. Wer so mittelwalterlich denkt, dass eine Karikatur als ehrverletzend aufgefasst wird, der darf gerne Europa fern bleiben.

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  7. Pingback: Ich bin NICHT Charlie! | Der Doktor ohne Doktor

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